Die Ruder-Fabrik des Nordens

Bundesstützpunkt Ratzeburg/Hamburg

Sportler können sich nur gut entwickeln, wenn die örtlichen Bedingungen das zulassen. Die Standorte in Ratzeburg und Hamburg gelten als ideale Trainingsorte.

Videokontrolle: Auf dem Domsee unterhalb des Ratzeburger Doms.

Ein wunderbares Idyll umgibt die 14.000-Einwohner-Stadt Ratzeburg. Fast könne man glauben, die Zeit sei hier im Herzogtum Lauenburg vor rund 100 Jahren stehengeblieben. Historische Bauwerke sorgen ebenso für eine beschauliche Atmosphäre wie der Ratzeburger See und der Küchensee. Inmitten dieser wunderschönen Gegend, zentral auf der Dominsel gelegen, be ndet sich die geschichtsträchtige Ruderakademie Ratzeburg. Vielen Athleten des Deutschen Ruderverbandes dient dieser Ort als Trainingsstätte oder als Vorbereitungsort auf die großen Wettkämpfe. Eine knappe Autostunde weiter südwestlich, direkt an der Hamburger Elbe, be ndet sich das Wassersportzentrum Hamburg-Allermöhe. Hier fand zum Beispiel im Jahre 2011 der Ruder-Weltcup statt, im Jahre 2014 zudem die Junioren-Weltmeisterschaft. Zusammen ergeben diese beiden Standorte den Bundesstützpunkt Ratzeburg/Hamburg.

Dr. Lars Koltermann, Stützpunktleiter in Ratzeburg

Der langjährige Leichtgewichtstrainer Lars Koltermann ist seit Februar 2017 für die Leitung des Bundesstützpunktes zuständig. Er empfindet es als großen Vorteil, dass die Sportler im Norden auf zwei Standorte zurückgreifen können. „In Hamburg wohnen die Athleten, da sie hier studieren und arbeiten. Hier findet auch das tägliche Training unterhalb der Woche statt“, erklärt der 44-Jährige im Gespräch mit rudersport. „Ratzeburg wiederum ist bei all seiner Schönheit und Ruhe als Wohnort für junge Menschen nicht attraktiv. Dafür kann hier ein sehr gutes Training auf dem Wasser und ein voll auf den Rudersport konzentriertes Umfeld angeboten werden.“ Viele erfolgreiche Rudertrainer und Athleten nutzen diese Standorte. Karsten Timm trainiert zum Beispiel die beiden Ruder-Brüder Eric und Torben Johannesen und den Skuller Stephan Krüger. Dirk Brockmann arbeitet hier mit der Kleinboot-Hoffnung Tim Ole Naske. Auch Tim Schönberg, Marc Swienty, Ralf Bockelmann und Jan Suhrhoff trainieren im Norden mit ihren Athleten.

Karl Adam formte in Ratzeburg den Deutschland-Achter
Die Ruderakademie in Ratzeburg ist ein geschichtsträchtiger Ort. Hier fand die Geburtsstunde des Deutschland-Achters statt. Der legendäre Trainer Karl Adam formte einst die Olympiasieger von 1960. Deshalb war früher auch vom „Ratzeburger Achter“ die Rede. Mit den damaligen Erfolgen wurde der Grundstein für den heutigen Bundesstützpunkt gelegt. Von 1965 an fand hier ein provisorischer Lehrgangsbetrieb statt. Drei Jahre später wurde der Neubau der Ruderakademie Ratzeburg abgeschlossen. Der damalige DRV-Vorsitzende Dr. Claus Heß stellte bereits damals klar, dass die Aufgaben der Akademie über den reinen Leistungssport hinausgehen: „Neben den leistungssportlichen Aufgaben werden wir die Ruderakademie zum Mittelpunkt einer geistigen Begegnungsstätte machen, die im Sport vielleicht nötiger ist als der Wettkampf“, sagte er. „Wir wollen versuchen, hier in Ratzeburg Seminare und Tagungen zu veranstalten, um sich einmal weit ab von der Hetze des sportlichen Alltags mit Grundfragen des Sports zu beschäftigen. Dieser Bau soll uns Grund genug sein, immer wieder neue Anfänge zu suchen.“

Kurze Wege: Von der Akademie geht es direkt auf den Steg für die Ruderer.

Laut Koltermann ist der nördliche Standort für den deutschen Rudersport von großer Bedeutung. „Ratzeburg und Hamburg haben in den vergangenen Jahrzehnten den Rudersport in Deutschland maßgeblich mitgeprägt“, erklärt er. „Aus dem Norden unseres Landes kommen zudem seit Jahren viele Bundeskaderathleten des Deutschen Ruderverbandes. Vor diesem Hintergrund war es naheliegend, im Norden des Landes ein Leistungszentrum zu implementieren, das auch für diverse zentrale Maßnahmen des Deutschen Ruderverbandes genutzt wird.“ So hoch der Stellenwert der Ruderakademie heute auch sein mag: Ende der 1980er Jahre wäre der Standort fast geschlossen worden. Eine mangelnde Auslastung stellte den Sinn dieser Einrichtung in Frage. Mehrere Modernisierungen und Erweiterungen brachten den Bundesstützpunkt jedoch wieder auf Vordermann. Die letzte Sanierung fand im Jahre 2010 statt.

Derzeit hat die Ruderakademie im Obergeschoss zwölf Einzelzimmer und sechs Doppelzimmer mit jeweils eigener Dusche und WC. Im Erdgeschoss (Erweiterungsanbau) gibt es sechs größere Einzelzimmer mit selbiger Ausstattung. All diese Zimmer haben Einbaubetten und Einbauschränke. Im Untergeschoss (ebenerdig zur Seeseite) gibt es in der inzwischen nicht mehr genutzten Hausmeisterwohnung drei Doppelzimmer und ein Einzelzimmer. Zusammen ergibt dies 38 Betten. Dass sich die Auslastung verbessert hat, zeigt sich alleine schon an den Zahlen: Im Jahre 2005 betrug der Umsatz aus Unterkunft und Verpflegung noch rund 215.000 Euro. 2016 beliefen sich die Einkünfte bereits auf rund 432.000 Euro. Die Umsätze haben sich also verdoppelt, sodass der Standort nicht mehr in Gefahr ist. Die A-Nationalmannschaft, die U-23 Mannschaft sowie zahlreiche Vereine und Verbände nutzen die Ruderakademie. Zudem dient dieser Standort für verschiedene Lehrgänge, beispielsweise für die Ausbildung zur Trainer-C-Lizenz.

Das Ruder-Internat: Die Talentschmiede des Nordens
Ein wichtiger Bestandteil der Ruderakademie ist das Internat. Viele Erfolgsruderer, wie zum Beispiel der zweimalige Olympiasieger Lauritz Schoof, haben in jungen Jahren hier gelebt, um Sport und Leistungssport unter einen Hut zu bringen. Jugendliche ab dem 15. Lebensjahr können eines der Einzel- oder Doppelzimmer beziehen, sofern sie nicht in der Nähe wohnen und großes Talent mitbringen. Die monatlichen Kosten belaufen sich auf 330 Euro im Doppelzimmer und 390 Euro im Einzelzimmer. Zu den erfolgreichen Absolventen der jüngeren Vergangenheit zählt zum Beispiel Frieda Hämmerling, die gerade Europameisterin im Doppelvierer geworden ist. Sie besuchte das Sportinternat Ratzeburg von 2012 bis 2015. In Kiel fehlte ihr eine starke Trainingsgruppe und mit der windanfälligen, offenen Förde insbesondere ein Ruderrevier, das die richtigen Voraussetzungen für leistungssportliches Wassertraining bot. Nach drei Jahren einer starken Entwicklung mit einem U19-Vizeweltmeistertitel 2014 im Doppelvierer und dem Sieg bei der U19-Weltmeisterschaft 2015 im Doppelzweier studiert sie inzwischen in Hamburg und trainiert am Leistungszentrum Allermöhe.

Die Nähe zu den erfolgreichen Olympioniken, die gleichzeitig die Vorbilder der jungen Athleten sind, ist in Ratzeburg ein angenehmer Nebeneffekt. Florian Menningen, der im Jahre 2012 Olympiasieger mit dem Deutschland-Achter wurde, hat ebenfalls in jungen Jahren hier gerudert und berichtet von eindrucksvollen Begegnungen: „Thomas Lange hat damals hier noch trainiert. Es war schon cool, jemanden auf dem Wasser zu sehen, der bereits zweimal Olympia gewonnen hat und sich gerade auf seine dritten Olympischen Spiele vorbereitet.“ Doch das Leben im Internat hat auch seine Schattenseiten. Freizeit ist hier Mangelware. Trainer Marc Swienty arbeitet seit vielen Jahren mit den Ruder-Talenten zusammen und sagt: „Der Tagesablauf der Jugendlichen ist von vorn bis hinten durchstrukturiert. Wenn das Schulische nicht von selbst gut läuft, wird auch der Sport darunter leiden. Beides muss reibungslos funktionieren, damit aus den jungen Leuten Nationalmannschaftsteilnehmer werden.“

Elbe statt Alster
Auch die Regattastrecke und das Trainingszentrum in Hamburg blicken auf eine lange Geschichte zurück. Als der Rudersport in den 1830er Jahren Deutschland erreichte, galt Hamburg als ein „Schrittmacher“ dieses Sports. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war noch die Hamburger Alster das Zentrum des Ruderns. Die dort stattfindende „Große Hamburger Ruder-Regatta“ zählte zu den internationalen Top-Events im Ruder-Kalender. Der zunehmende Bootsverkehr zwang die Ruderer jedoch dazu, für die großen Regatten einen neuen Standort zu suchen. Im Südosten der Stadt wurde man fündig. An einem stillgelegten Arm der Elbe eröffnete in den 1980er Jahren das Wassersportzentrum Hamburg-Allermöhe.

Die Standorte in Ratzeburg und Hamburg bieten den Ruderern unterschiedliche Vorteile. In Hamburg ist die Nähe zu den vielen Universitäten und Wirtschaftsbetrieben positiv hervorzuheben. Es gibt praktisch kein Fach, das sich nicht studieren lässt, kein Beruf, der sich in der Hansestadt nicht erlernen lässt. „Dies führt dazu, dass gerade vor dem Hintergrund der immer wichtiger werdenden dualen Karriereplanung Leistungsrudern und Berufsausbildung sehr gut unter einen Hut zu bringen sind“, erklärt Koltermann. Der Olympiastützpunkt Hamburg/Schleswig-Holstein bietet eine Betreuung, die weit über die sportlichen Aspekte hinausgeht. Die Laufbahnberatung zählt ebenso zum Service wie die Unterstützung bei der Wohnungssuche. Sportlich ist der Standort Hamburg-Allermöhe ohnehin über jeden Zweifel erhaben. „In den Räumlichkeiten des OSP finden die Sportler perfekte Trainingsbedingungen für das Krafttraining und die Leistungsdiagnostik vor“, betont Koltermann. „Diese Bereiche werden von bundesweit im Rudern anerkannten Trainingswissenschaftlern abgedeckt. Das Rudertraining ndet auf der Dove-Elbe im Leistungszentrum Allermöhe statt, das jeder Ruderer von den zahlreichen Regatten kennt. Hier kann im Voll-Albanosystem gerudert werden.“

In Ratzeburg wird vorwiegend an den Wochenenden und im Rahmen von Lehrgangsmaßnahmen trainiert. „Die Wege sind hier extrem kurz. Schlafen, Essen und Training nden an einem Ort statt. Das Rudertraining findet entweder auf dem Küchensee im Albanosystem oder auf dem Großen Ratzeburger See statt, wo die Berufsschifffahrt nahezu ruht. Bei starkem Wind weichen die Sportler gerne auf das zehn Kilometer entfernte Mölln aus. Dort be ndet sich ein Kanal, der bei nahezu allen Witterungsbedingungen gut „ruderbar“ ist.

Ruderakademie Ratzeburg – Weg zum Eingang

Erweiterungen in der Planung
So ordentlich die Bedingungen auch sein mögen: Einen Stillstand wird es speziell in Ratzeburg nicht geben. Die Bettenkapazität soll mit einem eigenen Trakt für das Sportinternat Ratzeburg auf 60 Betten erweitert werden. Der Hauptgrund dafür ist die gestiegene Anzahl an Athleten. Als die Ruderakademie in den 1960er Jahren errichtet wurde, gab es kein Sportinternat in der Ruderakademie und weniger olympische Bootsklassen. Zudem haben die Damen noch nicht an Olympischen Spielen teilgenommen. Die Ruder-Nationalmannschaft bestand damals aus 27 Personen. Heute sind es 48 Athleten. Koltermann wünscht sich daher mehr Unterbringungsmöglichkeiten für die Sportler, eine entsprechende Küchengröße, weitere Lehrräume, aber auch eine größere Bootshalle und modern konzipierte Räume für Kraft-, Ergometer- und Spinningtraining. Die Umsetzung liegt allerdings noch in weiter Ferne. „Wir befinden uns im Status der Vorplanungen mit Bedarfsermittlungen, die Idee wabert seit 2009 am Bundesstützpunkt Ratzeburg/Hamburg. Die Vorwärtsschritte sind klein, aber stetig vorhanden“, erklärt die Bundesstützpunkt Leitung.

Auch in Hamburg soll noch einiges geschehen. Geplant sind eine zusätzliche Bootshalle, eine Erweiterung der Duschbereiche, mehr Büroräume für Trainer und zusätzliche Übernachtungsmöglichkeiten für die Athleten. „Wir führen Gespräche mit der Stadt und sind dabei, eine Kostenplanung aufzustellen“, erklärt Werner Glowik, der Vorsitzende des AAC/NRB. Im August soll die Planung bereits konkret werden.

Oliver Jensen

Quelle: rudersport 07-2017, S. 18–21
Wir danken Herrn Thomas Kosinski, Chefredakteur rudersport

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